Sola-Gratia-Verlag

Buchdeckel

Lüder Wilkens:

Die Religionen und der christ­liche Glaube

3. Auflage 2014

In seinem Vor­wort zu diesem Buch schreibt Lüder Wilkens: „Ich möchte dem Leser ermög­lichen, anderen Menschen anhand von ein­fachen Zeich­nungen erklä­ren zu können, was Religion und was im Unter­schied dazu der christ­liche Glaube ist. Beson­ders möchte ich denen mit meinen Zeich­nungen helfen, die in Schule (Religions­unter­richt) oder kirch­licher Unter­weisung (Konfir­manden­unter­richt, Tauf­unter­weisung) tätig sind. Wenn das geschieht, ist der Zweck dieses Buches am besten erreicht.“

Propst Gert Kelter (Görlitz) schrieb dem Autor: „Vielen Dank für dieses hilf­reiche und schöne Buch, dem ich weitere Ver­breitung wünsche!“

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Print-Ausgabe

Buch, 84 Seiten, broschiert
versandkostenfrei bei L. Wilkens (s. Kontakt)
PREIS 6,00 Euro ISBN 978-3-00-047671-6

LESEPROBE:

Auf einer Konferenz von Pfarrern berichtete einer der Teilnehmer von einem wachsenden allgemeinen Interesse an der Religion, worauf ich einwarf: „Ja, das fürchte ich auch!“ - Allgemeines Gelächter war die Reaktion. Da merkte ich, dass meine Amtsbrüder Religion und Christentum in einen Topf warfen.

Dass Religion und christ­licher Glaube eigentlich Gegensätze sind, wird nur sehr mühsam akzeptiert und kann anscheinend schlecht vermittelt werden - zu revolutio­när scheint dieser Gedanke zu sein. Und anscheinend hat man sich an das andere gewöhnt und zu lange damit gearbeitet.

Der heutige Gebrauch des Religions­begriffs ist aber relativ neu. Der lateinische Begriff religio war in der mittelalter­lichen Theologie noch ziemlich unbekannt. Was wir heute unter Religion verstehen, wurde vor der Zeit der Aufklärung als „Heiden­tum“, „Götzen­dienst“ oder „Aber­glaube“ abgetan. In der Refor­mations­zeit wurde nur das Christentum als Religion bezeichnet. Und nur für die getrennten christ­lichen Konfes­sionen (Katholiken, Lutheraner, Reformierte usw.) wurde Religion als Oberbegriff gebraucht. Aber schon zur Zeit der Reformation begann eine Religions­vermischung unter dem Einfluss der Renais­sance. Als Renaissance bezeichnet man das wieder­aufgelebte Heidentum der Antike.

Erst in der Zeit der Aufklärung (17./18. Jahr­hundert) bekam Religion die heutige Bedeutung. Nun wurde das, was zuvor als „Heiden­tum“, „Götzen­dienst“ oder „Aber­glaube“ abgetan worden war, immer mehr in einer Linie mit dem Christentum gedacht und gesehen. Der christliche Glaube musste sich nun gegenüber der Religion behaupten.

Das hat zu viel Verwirrung geführt. „Wir glauben doch alle an einen Gott“, wird heute oft gesagt. Stimmt das? Kann es wirklich sein, dass zum Beispiel die haitischen Voodoo-Kulte, die Menschen­opfer-Kulte der Inkas und der elefanten­köpfige und auf einer heiligen Ratte reitende und sehr beliebte hindu­istische Gott Ganesha - das alles ist Religion - in dieselbe Kategorie gehören wie der Glaube an Gott, den Vater Jesu Christi? Das kann doch wohl nicht sein!

Nun ist es etwas schwierig, sich in dieser Sache Gehör zu ver­schaffen. Darum möchte ich wegen der Bedeutung der Unter­scheidung von Religion und christ­lichem Glauben im Folgenden etwas ausführ­licher und haupt­sächlich für Fachleute einige anerkannte Theologen zu Worte kommen lassen:

Karl Barth lehrte, dass Gott selbst die Initiative ergreifen und sich uns bekannt machen müsse, da wir Menschen ihn nicht erkennen und nicht erreichen können. Er nannte diese Selbst­enthüllung Gottes: „Offen­barung.“ Weil Gott der ganz Andere, der Ferne ist, können wir über ihn nur Ver­mutungen, Speku­lationen anstellen - es sei denn, dass Gott sich selbst uns Menschen offenbart. Erst durch die Selbst­offenbarung Gottes bekommen wir wirkliche Kenntnis von ihm. Am Beginn seiner „Kirch­lichen Dogmatik“ bringt Barth dies in der Überschrift zum Ausdruck: „Gottes Offenbarung als Aufhebung der Religion“1. Das war sozusagen ein Donner­schlag, der die ganze damalige liberale Theologie er­schütterte. Barth entfaltete dann das Thema unter anderem unter der Über­schrift: „Religion als Unglaube“.

Dietrich Bonhoeffer, der mit Barth befreundet war, nahm diesen Faden auf: „Mehrere Male benutzte Bonhoeffer Barths Bild des Turms von Babel (1.Mose 11) als eines Symbols für ‚Religion‘: Der (stets miss­lingende) Versuch des Menschen, den Himmel durch seine eigenen An­strengun­gen zu erreichen“2. Schon in seiner Zeit als Vikar in Barcelona 1928 - mit 22 Jahren - referierte Bonhoeffer in einem Gemeinde­vortrag: „Der Kern des christ­lichen Glaubens ist gar keine Religion, sondern die Person Jesus Christus“3. Bonhoeffer „demaskiert in seinem Vortrag die Idee der ‚Religion‘ und der moralischen Leistung als die Feinde des christ­lichen Glaubens und Christi, weil sie den irrigen Eindruck vermitteln, man könne Gott durch seine moralischen Leistungen erreichen. Dergleichen führt nur zu geistlicher Anmaßung und Stolz, den Erzfeinden des Christen­tums“4.

Leider ist bei manchen Theologen über Bonhoeffers Theologie mehr oder weniger nur bekannt, was nach seinem Tod in einem seiner Briefe gefunden wurde: Die kurze Erwähnung eines „religions­losen Christen­tums“. Diese Rand­bemerkung Bonhoeffers ist von vielen Theologen begierig aufgenommen worden, besonders von Anhängern der „Gott-ist-tot“-Bewegung. Woher aber kommt seine Rand­bemerkung?

Kurz vor seiner Hinrichtung als Teilnehmer am Hitler-Attentat, als er 1944 im Gefängnis in Berlin-Tegel einsaß, schrieb Bonhoeffer in einem heimlichen Brief an einen Freund: „Wir gehen einer völlig religions­losen Zeit entgegen; die Menschen können einfach, so wie sie nun einmal sind, nicht mehr religiös sein. Auch diejenigen, die sich ehrlich als ‚religiös‘ bezeichnen, prakti­zieren das in keiner Weise; sie meinen also vermutlich mit ‚religiös‘ etwas ganz anderes… Wie dieses religions­lose Christentum aussieht, welche Gestalt es annimmt, darüber denke ich nun viel nach…“5. Der Bonhoeffer-Biograf Eric Metaxas schreibt dazu: „Es ist so gut wie sicher, dass er nicht nur verlegen gewesen, sondern zutiefst erschrocken gewesen wäre, wenn er gewusst hätte, dass seine rein privaten und sprachlich un­ausge­gorenen theolo­gischen Gedanken zukünftig Thema von theolo­gischen Seminaren würden“6.

Nein, Bonhoeffers Aussage von 1928 gilt nach wie vor: „Der Kern des christ­lichen Glaubens ist gar keine Religion, sondern die Person Jesus Christus“. Das lässt an Deutlich­keit nichts zu wünschen übrig.

Der norwegische Professor für Syste­matische Theologie in Oslo, Erweckungs­prediger und erfolg­reicher Buchautor Ole Hallesby schrieb zu unserem Thema ein sehr lesens­wertes Buch mit dem program­matischen Titel: „Warum ich nicht religiös bin.“ Darin schreibt er in seinem Schluss­kapitel unter der Überschrift „Religiosi­tät oder Christen­tum“:

„Luther schuf auch hier klare Linien durch seine biblische Auffassung der Sünde des Menschen und Gottes recht­fertigen­der, neu­schaffender Gnade. Sowohl in seiner Theologie wie in seiner Ver­kündigung weist er ständig auf den Wesens­unterschied hin zwischen der selbst­gewählten, an­strengen­den Religiosi­tät einerseits und dem freien, glücklichen Gottes­verhältnis des Wieder­geborenen anderer­seits… Aber auch auf protes­tantischer Seite finden wir eine Bewegung, die zielbewusst die Grenzen zwischen Christentum und Heidentum verwischt und eine Religions­vermischung im großen Stile durchführt“7.

Ab­schließend möchte ich Carl Heinz Ratschow8 zitieren: „Allerdings gibt es in allen Christen­tümern immer erneut die Versuchung, des Menschen frommes Tun nun doch für das Heil konstitutiv werden zu lassen. Damit würde das Christentum in den Weg der Religionen einbiegen.“9

Ich hoffe es ist hinreichend deutlich geworden, dass Religion und christ­licher Glaube in der Hauptsache Gegensätze sind, die man nicht miteinander vermischen darf. Man muss sich für das eine oder andere ent­scheiden.

Es muss nicht bedeuten, dass Religionen und der christliche Glaube sich feindlich gegenüber stehen müssen. Es hat Zeiten und Länder gegeben, in denen Christen mit religiösen Menschen und auch mit Ungläubigen friedlich zusammen leben konnten und umgekehrt, ohne ihre Identität aufzugeben.

Dazu gehört allerdings eine gehörige Portion Respekt, Toleranz und Menschen­liebe - oder um es mit einem christ­lichen Begriff zu sagen: Nächsten­liebe.

ANMERKUNGEN:
1) Karl Barth: „Kirchliche Dogmatik“ I,2 § 17.
2) Eric Metaxas: „Bonhoeffer“, 4. Aufl. 2012, S. 112.
3) Dietrich Bonhoeffer Werke (DBW), Band 10, S. 303.
4) Ebd. S. 315.
5) DBW 8, „Widerstand und Ergebung“, S. 402 f. und 407f.
6) Eric Metaxas: „Bonhoeffer“, S. 581 f.
7) O.Hallesby: „Warum ich nicht religiös bin“, S.135.
8) 1962-1979 Professor für Systematische Theologie, Geschichte der Theologie und Religions­philosophie an der Universität Marburg.
9) Carl Heinz Ratschow: „Die Religionen und das Christentum“, Berlin 1967, Verlag Alfred Töpelmann - Hauptvorträge des Evangelischen Theologen-Kongresses in Wien 1966, über: „Der christliche Glaube und die Religionen“, S. 125.