Sola-Gratia-Verlag

Buchdeckel

Gottfried Martens:

Zur Antwort bereit

Hilfen zum Gespräch über den christlichen Glauben

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich in Deutschland in Fragen des christ­lichen Glaubens ein gewaltiger Traditions­abbruch vollzogen: Nur noch wenigen Menschen sind die zentralen Inhalte des christ­lichen Glaubens bekannt. Die Argumente für das Des­interes­se und die fehlenden Kenntnisse dieser Inhalte sind immer wieder dieselben. Umso wichtiger wird es immer mehr, dass nicht allein aus­gebildete Theologen, sondern Gemeinde­glieder über ihren Glauben sprechen, von ihm Rechen­schaft ablegen und auf Argumente gegen den christ­lichen Glauben Antworten geben können.

Diesem Ziel sollten die Glaubens­informa­tionen dienen, die der Verfasser dieses Buches bereits vor 20 Jahren den Gliedern seiner damaligen Gemeinde in Berlin-Zehlendorf mit jedem Pfarrbrief zukommen ließ. Sehr bald wurden sie auch in anderen Gemeinden verbreitet; immer wieder wird nach ihnen gefragt. Nun sind zwei Jahrgänge dieser Glaubens­informa­tionen in diesem Buch zusammen­gestellt. Sie haben an Aktualität noch weiter gewonnen und sollen dazu dienen, Gemeinde­gliedern gleichsam ein Instru­mentarium in die Hand zu geben, um in Diskus­sionen über den christ­lichen Glauben sprachfähig zu sein. Wir haben als Christen keinen Grund, verschämt zu schweigen…

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KOSTENLOS Verlags-Nummer 033-01-21

Print-Ausgabe

Softcover, 116 Seiten
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PREIS 6,00 Euro ISBN 978-3-948712-16-7

LESEPROBE:

Das Argument, jeder Mensch solle seinen eigenen Glauben haben, rich­tet sich gegen die missio­narische Ausrichtung des christ­lichen Glau­bens, die in der Tat zum christ­lichen Glauben wesenhaft dazugehört: „Wir können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.“ (Apostel­geschichte 4,20) Bei diesem Reden geht es nicht bloß um die Mitteilung der persön­lichen Be­findlich­keit; vielmehr zielt dieses Reden ganz bewusst darauf, das Gegenüber ebenfalls für den Glauben an Christus zu gewinnen. Es geht im christ­lichen Glauben eben nicht bloß darum, dass es gut tut, „an irgendetwas zu glauben“; es ist dem christ­lichen Glauben zufolge gerade nicht egal, woran man glaubt.

Nicht als Auf­forderung, sondern als Be­schreibung und Fest­stellung fin­den wir die Behauptung, jeder Mensch habe einen eigenen Glauben, bereits in den luthe­rischen Bekenntnis­schriften: „Die zwei gehören zuhauf, Glaube und Gott. Woran du nun, sage ich, dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott“, erklärt Martin Luther im Großen Katechis­mus. Auf diesem Hintergrund gibt es nach christ­lichem Verständnis keinen ungläubigen Menschen. Die Frage ist nicht, ob ein Mensch an Gott glaubt, sondern an welchen Gott er glaubt. Das heißt aber nun gerade nicht, dass es von daher egal wäre, woran ein Mensch glaubt, wenn ohnehin jeder Mensch an „irgend­etwas“ glaubt. Denn nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift gibt es den ent­scheidenden Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf: Wo Ge­schaffenes vergöttert wird, indem man sein Herz daran hängt – seien es nun Geld und Besitz, das eigene Ego, ein Hobby oder etwa auch Stern­zeichen oder Glücks­bringer –, wird der Glaube zum Aberglauben per­vertiert. Und zu diesem Ge­schaffe­nen gehören eben auch selbst­gebastelte religiöse Vor­stellungen, ganz gleich, welches Bastel­material man dafür verwendet hat.

Doch mit dieser Einsicht, dass jeder Mensch etwas hat, woran er sein Herz hängt, was für ihn das Wichtigste im Leben ist und von daher die Stelle Gottes einnimmt, haben wir noch nicht den Kern der Problematik erfasst, die sich in dem Argument, jeder Mensch solle seinen eigenen Glauben haben, verbirgt. Glauben wirkt sich aus in der Form von Be­wusstseins­bindungen, hat, um es mit einem Fach­ausdruck zu formu­lie­ren, seinem Wesen nach immer dog­matischen Charakter. Denn Dog­men sind nichts anderes als solche Be­wusstseins­bindungen, die nicht mehr hinterfragt werden können und sollen. Das Problem besteht nun jedoch darin, dass man in der Regel die eigenen Dogmen nicht als Dogmen, sondern als evidente Wahrheit wahrnimmt und von daher das Wort „Dogma“ oftmals geradezu als Schimpfwort gebraucht: Für sich selber nimmt man in Anspruch, „un­dogmatisch“ zu sein, während man dem Anderen vorwirft, an Dogmen zu hängen. Dieser Mangel an Selbst­wahrnehmung führt immer wieder zu ganz charakte­ristischen „Dogmen­konflikten“, bei denen Menschen auf die Position des je­weiligen Gegenübers hoch­emotional reagieren, weil sie die eigene Be­wusstseins­bindung in Frage stellt. Typisch „dog­matische“ Einwände in Dis­kussio­nen um Fragen des christ­lichen Glaubens sind beispiels­weise Formu­lierungen wie „Das kann man doch heute nicht mehr sagen!“, oder: „Das ist doch einfach so.“ Weh dem, der es wagt, solche Dogmen noch zu hinter­fragen! Zu den Dogmen, die hinter solchen Einwänden stehen, gehört beispiels­weise auch ein bestimmtes Geschichts­bild, wonach sich die Wahrheits­erkenntnis der Menschen immer weiter entwickelt und es von daher geradezu selbst­verständ­lich ist, dass das, was „heute“ gedacht wird, richtig und was früher einmal gedacht wurde, falsch ist.

In dieses Geschichts­bild passt dann auch das heute weit verbreitete sogenannte postmoderne Verständnis von Wahrheit, das sich in vielen Fällen hinter dem Argument, jeder Mensch solle doch seinen eigenen Glauben haben, verbirgt. Diesem post­modernen Wahrheits­verständ­nis zufolge gibt es gar nicht „die Wahrheit“, sondern jeder Mensch hat seine eigene per­sönliche, subjektive Wahrheit, die von außen gar nicht in Frage gestellt werden kann oder darf. Von daher kann der Glaube eines Menschen von vornherein nicht falsch oder richtig sein, sondern er kann höchstens für den be­treffen­den Menschen ganz persönlich falsch und richtig sein. Was der eine als falsch empfinden mag, ist für einen anderen eben gerade richtig. Dies klingt alles sehr tolerant. Doch die Grenzen dieser Toleranz sind be­zeichnender­weise dort schnell erreicht, wo es jemand wagt, dieses postmoderne Wahrheits­verständnis selber in Frage zu stellen und sich ihm nicht zu unter­werfen. Auch hier brechen dann sehr schnell Dogmen­konflikte auf, die das postmoderne Gegenüber dadurch für sich zu entscheiden sucht, dass es zur „Funda­mentalis­mus-Keule“ greift und jeden, der sein Wahrheits­verständnis nicht teilt, als Funda­mentalisten diffamiert und damit gleich in die ent­sprechende Schublade steckt.

Als Christen wissen wir, dass die Wahrheit des christ­lichen Glaubens sich nicht in der Form mathe­matischer Formeln ausdrücken lässt, son­dern rückbezogen ist auf die Person Jesu Christi, der von sich selbst allerdings behauptet: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Johannes 14,6) Christus gebraucht hier jeweils ganz bewusst den bestimmten Artikel, für den im post­modernen Denken kein Platz mehr ist, und erhebt damit in der Tat einen Anspruch, der sich durchaus als „Ab­solutheits­anspruch“ bezeichnen lässt. Zu diesem Ab­solutheits­anspruch der Per­son Christi muss sich der Glaube eines jeden Menschen in irgendeiner Weise verhalten – sei es, dass er diesem Anspruch zustimmt, oder sei es, dass er ihn ignorierend oder pro­testierend ablehnt. So fällt an­ge­sichts dieses Selbst­anspruchs Christi zugleich auch eine Ent­scheidung darüber, wie ich Glauben und damit auch „meinen eigenen Glauben“ verstehe: Ist er nicht mehr als meine menschliche Vorstellung vom Leben und von Gott, besteht eine Funktion von daher wesentlich darin, eine Art von „Wohl­fühl­hilfe“ für bestimmte Anlässe des Lebens zu sein? Oder bezieht sich mein Glaube auf eine Realität außerhalb meiner selbst, an die ich nicht dadurch heran­reiche, dass ich mich ihr mit meinen Vor­stellun­gen nähere, sondern dass sich diese Realität mir gegenüber öffnet?